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Wolfgang Schäuble

Was Wolfgang Schäuble mit Oskar Lafontaine verbindet

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Erstmals sprechen der Innenminister Wolfgang Schäuble und der Linken-Chef Oskar Lafontaine gemeinsam über die Erfahrung, Opfer eines Attentats zu sein


Berlin - Politisch trennt sie fast alles. Doch beide teilen die Erfahrung, Opfer eines Anschlags geworden zu sein. Nun haben sich Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) und Linken-Parteichef Oskar Lafontaine erstmals gemeinsam zu den auf sie verübten Attentaten und den Folgen geäußert. In einem Doppelinterview in der neuen Ausgabe des Magazins "Stern" sprachen die politischen Gegner offen darüber, was sie seit den traumatischen Erlebnissen persönlich verbindet - und welche unterschiedlichen Schlüsse sie aus der Erfahrung gezogen haben. So räumen beide ein, mehr Rücksicht aufeinander zu nehmen als im Politbetrieb sonst üblich. Lafontaine spricht von einer "Beißhemmung", die er gegenüber Schäuble empfinde, Schäuble seinerseits von einer "zusätzlichen Hemmschwelle".

Sowohl für Schäuble als auch für Lafontaine war es 1990, das Jahr der Einheit, das ihr Leben veränderte. Am 25. April wurde der damalige SPD-Kanzlerkandidat Lafontaine bei einem Auftritt in der Stadthalle Köln-Mülheim von der 42-jährigen Ex-Arzthelferin Adelheid Streidel mit einem Messerstich in den Hals lebensgefährlich verletzt. Die an paranoider Schizophrenie erkrankte Frau hatte die Waffe in einem Blumenstrauß versteckt, mit dem sie sich der Bühne näherte. Nur durch eine Notoperation konnte Lafontaine gerettet werden.

Im Oktober desselben Jahres wurde Wolfgang Schäuble bei einem Auftritt im badischen Oppenau von dem 36-jährigen Dieter Kaufmann niedergeschossen. Schäuble überlebte schwer verletzt, ist seither vom dritten Brustwirbel abwärts gelähmt.

Schäuble und Lafontaine wurden beide als Repräsentanten des Staates angegriffen, und sie wurden beide eher willkürlich zum Ziel gewählt. Adelheid Streidel gab bei ihrer Vernehmung an, sie habe Lafontaine als Ziel ausgesucht, weil der ebenfalls bei der Veranstaltung anwesende nordrhein-westfälische Ministerpräsident Johannes Rau zu weit entfernt stand. In ihren Notizen fanden sich auch die Namen von anderen Spitzenpolitikern wie Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher. Der ebenfalls an einer Psychose erkrankte Kaufmann machte den Staat für sein verpfuschtes Leben verantwortlich und suchte sich für seine Rache Schäuble aus, der damals wie heute Bundesinnenminister war. Auch lag der Ort, an dem Schäuble auftrat, in der Nähe von Kaufmanns Wohnort.

Im "Stern"-Gespräch erzählen Schäuble und Lafontaine davon, wie Letzterer den schwer verletzten CDU-Politiker unbemerkt von der Öffentlichkeit im Krankenhaus besuchte. Lafontaine hatte Schäuble zuvor angerufen und gefragt, ob er kommen dürfe. "Wenn Sie keine Show daraus machen, dann gerne", antwortete ihm Schäuble. Er habe, sagte Lafontaine dem "Stern", erst die Journalisten abhängen müssen, die ihm in diesen Tagen auf Schritt und Tritt gefolgt seien. Dann stand er bei Schäuble; fast ein schlechtes Gewissen habe er dabei gehabt, weil er bei dem auf ihn verübten Anschlag glimpflicher davongekommen sei. Im Interview bedankte sich Schäuble bei Lafontaine noch einmal für den Besuch: "Mir hat es gutgetan. Wenn Sie mir mit dem Krankenhausbesuch helfen wollten, dann haben Sie den Zweck erfüllt."

Beide Politiker berichten davon, welche Zäsur die Anschläge für sie bedeuteten. "Ich habe erfahren, wie verletzlich ich in Wahrheit bin, und war danach innerlich sehr viel unsicherer als zuvor", sagte Lafontaine. Schäuble beschrieb es mit den Worten: "Ich habe eine mir bis dahin völlig unbekannte Erfahrung gemacht: Von einer Sekunde auf die andere kann alles anders sein." Unterschiedlich sind nicht nur die physischen Folgen, die die Attentate für beide hatten. Auch die Rückkehr ins politische Leben haben sie verschieden erlebt. Er habe ziemlich entsetzt reagiert, als seine Frau ihm einmal vorgeschlagen habe, nun mit der Politik aufzuhören, sagte Schäuble dem "Stern". Die Politik habe ihm letztlich geholfen, mit seinem Leben im Rollstuhl fertig zu werden. Lafontaine gab hingegen an, bei ihm sei der Gedanke an einen Ausstieg aus der Politik nach dem Attentat "drängender" geworden. Die Erfahrung, "plötzlich völlig aus der Bahn" geworfen worden zu sein, traumatisiere ihn bis heute, so Lafontaine. Wolfgang Schäuble ordnete das . rlebte für sich anders ein: "Ich bin nicht traumatisiert. Ich bin gelähmt."

Von Miriam Hollstein

WELT ONLINE 8. April 2009, 02:32 Uhr


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